Infoblatt 06/2022

Rätselraten mit Jahreszahlen

Rätselraten mit Jahreszahlen

Bereits mehr als einmal haben wir hier an dieser Stelle historische Fotos von den einschlägigen Facebook-Seiten zur Magdeburger Stadtgeschichte geteilt und kommentiert. Nicht erst seit gestern sind nun auch MVB und IGNah auf dieser „Schiene“ unterwegs in dem sie regelmäßig oftmals längst vergessene Fotoaufnahmen von Straßenbahnen, Omnibussen und O-Bussen aus ihren eigenen Archivbeständen über ihr Facebook-Portal einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen. Dazu gebührt ihnen auch unsererseits ein herzliches Dankeschön, da natürlich auch wir als engagierte Straßenbahnfreunde gerne von diesem reichhaltigen Fundus profitieren.

Allerdings haben fast alle Hobby-Autoren solcher Seiten sehr häufig ein Problem mit den entsprechenden Jahreszahlen, wobei wir jedoch deshalb niemandem einen Vorwurf machen wollen, da die Aufnahmedaten solcher historischen Zeitdokumente oftmals bereits etliche Jahrzehnte zurückliegen. Hier sind jedoch zuweilen kleine und manchmal auch etwas versteckte Details eine sehr große Hilfe, um den Aufnahmezeitraum auch relativ eng einzugrenzen. Man muss nur einfach ganz gezielt nach der sog. „Nadel im Heuhaufen“ suchen.
Wichtige Wegweiser sind hier in erster Linie markante Bauwerke, wo wir das Jahr der Errichtung oder Eröffnung kennen – oder auch das Jahr, in dem dieses Bauwerk unwiderruflich aus dem Stadtbild verschwunden ist. Auch stadtbildprägende sog. „Stadtmöbel“ oder Anlagen der Straßenbeleuchtung (wie z. Bsp. die in den 1950er/60er Jahren sehr bekannten sog. „Stalin“-Lampen), aber auch Beflaggungen, Plakate oder Spruchbänder, die auf bestimmte Ereignisse hinweisen, sind uns hier überaus hilfreich. Ist z. Bsp. auf einem Foto eine politische Losung „zu Ehren des XX. Jahrestages der DDR“ zu erkennen, so dürfte die Aufnahme mit großer Wahrscheinlichkeit im Jahr 1969 entstanden sein. Auch der Vegetationsstand der Bäume oder die Kleidung der Straßenpassanten liefern uns hier oftmals wichtige Aussagen bezüglich der infrage kommenden Jahreszeit.

Auch unsere Straßenbahnen sprechen hier ihre eigene und unverwechselbare Sprache, wenn wir einmal gezielt nach bestimmten Lackierungen, Beschriftungen, Beschilderungen und auch nach div. technischen Ausrüstungsdetails an den Fahrzeugen Ausschau halten. So dürfte z. Bsp. wohl kaum ein Straßenbahntriebwagen mit Stangenstromabnehmer noch in den 1930er Jahren über den Breiten Weg gefahren sein, da die Umstellung auf Schleifbügelbetrieb bereits 1929 abgeschlossen war. Auch unsere Wagenparklisten, die hier sehr konkrete Daten über die Indienststellung sowie über Umbauten, Umnummerierungen und Ausmusterungen unserer Fahrzeuge liefern, können hier zuweilen so manches Rätsel relativ schnell lösen. So gab es z. Bsp. Ende der 1920er Jahre einen wiederholt im Innenstadtbereich „abgelichteten“ Triebwagen mit der Betriebsnummer 172 (Baujahr 1925 Dessau) nur ganze vier Jahre, da er im Rahmen einer Nummernbereinigung bereits 1929 seine neue Nummer 157II erhielt, während die Nummer 172 bis nach dem II: Weltkrieg unbesetzt blieb.

Bei unserem heutigen undatierten Titelfoto aus dem Facebook-Portal der MVB mit einem Straßenbahnzug der Linie 3 ist der Aufnahmeort am ehemaligen Betriebshof Stadtfeld für (fast) jeden Magdeburger sicherlich ohne Zweifel auch heute noch auszumachen. Offensichtlich war es ein Verstärkerkurs im Berufsverkehr, worauf der einzelne vierachsige Beiwagen der ehemaligen Strandbahn Köslin hindeutet, da die Stammkurse der Linie 3 bis zur Einführung der Gothaer Großraumzüge im Jahr 1964 in der Regel fast immer mit zwei älteren Beiwagen verkehrten. Auffällig ist bei diesem Beiwagen die noch fehlende (anfangs zunächst quadratische) Zusatzsteckdose für die Durchbindung der elektrischen Klingelleitung unterhalb der runden Lichtsteckdose, die spätestens mit der Einführung vom sog. Z- bzw. Zz-Betrieb ab 1959 zwingend erforderlich wurde. Wie ferner nicht zu übersehen ist, kam der Wagen offensichtlich gerade erst ganz frisch aus der HU inkl. Neulack, wobei auch bereits das neue MVB-Logo mit einem stilisierten Lowa-Triebwagen auf dem Schriftzug „MVB“ seitlich angebracht wurde, was bei den Fahrzeugen erst ab ca. 1956 geltender Standard wurde. Der zugehörige und nicht mehr ganz neu aussehende Triebwagen aus der Düsseldorfer und Dessauer Serie von 1925 zeigt sich hier noch vor dem umfassenden Umbau in der Waggonfabrik Gotha, dem damals alle noch verbliebenen Wagen dieser Serie gleichsam im Jahr 1956 unterzogen wurden. Habt Ihr (haben Sie) liebe Leser vielleicht schon ein passendes Aufnahmejahr an dieser Stelle parat? (CR)

Rückblick: 32. AHN-Tagung April 2022 in Graz

Aus bekannten Gründen musste die Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Historischer Nahverkehr (AHN) in Graz um 2 Jahre auf nunmehr April 2022 verschoben werden. Das Tramway Museum Graz und die Freunde der Nostalgiebahnen Kärnten boten dabei ein umfangreiches und interessantes Tagungsprogramm. Am ersten Tag erfolgten die Vorstellungen des Vereins Tramway Museum Graz, des Verkehrsunternehmens Graz Linien, der Stadt Graz und des Verkehrsverbundes Steiermark. Über die Grazer Straßenbahn folgte ein historischer Rückblick, der gegenwärtige Stand und der Blick in die Zukunft.

Am Freitag und Sonntag setzten sich die Fachvorträge mit den gegenwärtigen Situationen und den Zukunftsvisionen in den Vereinen auseinander. So gab es u. a. Themen zur Personalausbildung für den Einsatz an historischen Straßenbahnen aus der Sicht der Werkstatt und dem Fahrdienst sowie mehrere Vorträge zu den Mitgliederstrukturen und zu unserem Nachwuchs in den Vereinen, was neben der Gewinnung neuer junger Mitglieder (z. Bsp. aus dem Schülerbereich) auch neue Mitglieder aus dem Vorrentenalter und im Rentenalter sowie auch ausländische Mitbürger einschließt. Entsprechende Beiträge gab es dazu u. a. aus Halle/Saale, Naumburg/Jena und auch aus Stuttgart)

Es folgten weitere Vorträge über die Förderprojekte, die Nostalgiebahnen in Kärnten und über die organisierte Zusammenarbeit zwischen den Vereinen. Als Beispiel präsentieren sich 17 Vereine mit dem Bahnerlebnis Steiermark in einem einheitlichen Grundauftreten in allen Medien. Bei den Aktivitäten der Vereine wirken die Partnervereine mit. So konnten in kurzer Zeit die Gästezahlen um mehr als 1⁄4 gesteigert und in den Vereinen auch neuer Nachwuchs gewonnen werden.

Die Chemnitzer Straßenbahnfreunde e.V. zeigten die einmaligen Zukunftsvisionen und die Möglichkeiten der Erneuerung ihres Vereinsdomizils auf. Die umfangreichen Förderungen in Chemnitz sind anlässlich der Zuerkennung des Titels “Kulturhauptstadt 2025” möglich.

Ein weiteres sehr interessanten Thema beschäftigte sich mit der wichtigen Archivarbeit, die leider oftmals sehr unterschätzt wird. Da dies nicht zuletzt auch unsere eigene Vereinsarbeit betrifft, wollen wir uns diesem speziellen Thema noch einmal in unserer nächsten Ausgabe im Monat August etwas intensiver widmen.

Im Rahmen der abendlichen Rundfahrten am Donnerstag und Freitag lernten wir die Stadt Graz und das Tramway Museum Graz mit seinen interessanten Ausstellungen kennen. Die Vereinsfreunde stellten ihre jahrelange Arbeit mit interessanten Erläuterungen zu den Fahrzeugen, der Modellbahnanlage und einer Fotoausstellung “50 Jahre Tramway Museum Graz” vor.

Am Samstag führte uns ein umfangreiches Reiseprogramm zur Schifffahrt mit historischen Schiffen auf dem Wörthersee; zu den Nostalgiebahnen und einer Stadtbesichtigung in Klagenfurt sowie zum Historama in Ferlbach. Hier erwartete uns nicht nur eine Dampftramwayfahrt; sondern auch die Besichtigung der Kärntener Museumswerkstätte mit einem Arbeitsvorrat von über 50 Jahren.

Hervorzuheben ist an dieser Stelle das Museum für Technik und Verkehr mit allen denkbaren Ausstellungstücken, angefangen von einer Kücheneinrichtung, über Holzroller, Straßenbahnen, Fahrräder, Kraftfahrzeuge aller Art, Schiffe, Landwirtschaftsgeräte, der Telefonie und vieles andere mehr. Eine Seilbahn ist im Aufbau. Eine Rundfahrt mit historischen Bussen in Ferlbach folgte.

Es war rundum eine sehr gelungene Tagung. Nochmals herzlichen Dank an die Freunde vom Tramway Museum Graz und allen ihren Partnern.

Die Veranstaltungsglocke für die 33. AHN-Tagung im April 2023 wurde an die Halleschen Straßenbahnfreunde e.V. und an die Nahverkehrsfreunde Naumburg-Jena e.V. weiter gegeben.

Ausblick auf 2024: Der Verein Stuttgarter Historische Straßenbahn e.V. wird Ausrichter der 34. Tagung sein.

Mehr dazu in unserer nächsten Ausgabe im Monat August. (JP)

Microsoft Word – Info_06_2022

Hauptwerkstatt Herrenkrugstraße / Fahrzeuge der MVB

Lt. „Traminfo“ wurden mit Stand vom 28.05.2022 nachstehende NGT8D als „abgestellt zur HU“ gemeldet: Tw. 1326, 1329, 1330, 1333. Die Tw. 1327 und 1382 sind nach erfolgter HU bzw. Reparatur inkl. Neulack in den aktuellen Farben dagegen seit geraumer Zeit wieder im Einsatz. Da in den zugehörigen Listen darüber hinaus eine Reihe weiterer Fahrzeuge aus unterschiedlichen Gründen zuletzt als „abgestellt“ gemeldet wurde, darunter auch nahezu alle noch im Bestand befindlichen T6A2/B6A2 in der ursprünglichen Magdeburger Variante, gilt die verfügbare Wagendecke gegenwärtig als angespannt. Somit waren in den zurückliegenden Wochen auch wieder verstärkt solo fahrende KT4D auf fast allen Linien zu beobachten, was allerdings bei den Fahrgästen nicht immer auf ungeteilte Zustimmung stößt.

Damit ist Magdeburg jedoch keineswegs ein Einzelfall, da auch bei zahlreichen anderen deutschen Straßenbahnbetrieben aus ähnlich gelagerten Gründen aktuell wieder verstärkt hochflurige Klassiker aus eigenen Reserveständen (und teilweise auch aus Museumsbeständen) im regulären Liniendienst zum Einsatz kommen; z. Bsp. als Verstärkerkurse im Berufs- und Schülerverkehr. Auch das „Straßenbahn-Magazin“ hat sich jüngst in seiner Ausgabe 6/2022 in einem Leitartikel sehr umfassend diesem Thema gewidmet, wobei Redakteur Martin Bunz an dieser Stelle schrieb: „Den geneigten Straßenbahnfan freuen solche Comebacks … natürlich. Beschwerden über die Hochflurfahrzeuge, die in solchen Fällen das umfangreiche Niederflurangebot ergänzen, halte ich [jedoch] für deplatziert. Es offenbart eher eine gewisse Beschwerdementalität oder den Hang zur negativen Berichterstattung in den Medien … Und die Alternativ wäre ja wohl, dass sonst eben [in solchen Fällen] gar keine Bahn mehr kommen würde.“ Nicht zuletzt bedeutet die Vorhaltung einer angemessenen Betriebsreserve in Zeiten knapper Kassen heute für jedes Straßenbahnunternehmen auch eine nicht zu unterschätzende betriebswirtschaftliche Gratwanderung. Dies wird leider sehr oft vergessen. (CR)