Der Sternbrücken-Zug

Fotos: Andreas Kanter

Pünktlich zum Stadtjubiläum „Magdeburg 12Hundert“ und zeitgleich mit der feierlichen Wiedereröffnung der vor 60 Jahren zerstörten Sternbrücke konnten die Magdeburger Straßenbahnfreunde e. V. am 1. Mai 2005 ihr bis dahin größtes Anlagenprojekt  erstmals einer interessierten Öffentlichkeit präsentieren: Den mehr als 6,00 m langen historischen Sternbrückenzug im Modell – im Gegensatz zum wiederhergestellten großen Vorbild wie einst mit einer die Elbe überquerenden Straßenbahntrasse, die heute viele Magdeburger und Besucher unserer Stadt zu Recht vermissen.

Die Sternbrücke vom Ost-Ufer aus fotografiert
Die Sternbrücke vom Ost-Ufer aus fotografiert

Ältere Magdeburger verbinden diese traditionelle Verkehrsverbindung vor allem mit der Deutschen Theaterausstellung von 1927 und dem in diesem Zusammenhang neu eröffneten Ausstellungsgelände rund um Ausstellungsturm und Stadthalle, das sich in den Jahren vor dem zweiten Weltkrieg zu einem Besuchermagneten ersten Ranges entwickelt hatte – nicht zuletzt wegen der guten Verkehranbindung durch die Straßenbahnlinie 10, deren Route damals über den Breiten Weg und den Hasselbachplatz direkt auf die grüne Insel führte. Wegen kriegsbedingter Sparmaßnahmen sollte die beliebte Straßenbahnlinie jedoch bereits im Herbst 1939 ihren planmäßigen Betrieb für immer einstellen. Im April 1945 wurde schließlich auch die schöne Sternbrücke ein Opfer der Sprengkommandos vor den heran rückenden alliierten Truppen. Geblieben ist für die Magdeburger in erster Linie die Erinnerung an ein Stück unvergessener Stadtgeschichte aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen.

 

Als ca. zwei Jahren zuvor die Idee geboren wurde, zum bevorstehenden Stadtjubiläum 2005 den historischen Sternbrückenzug im Maßstab 1:87 im Modell nachzubauen, gab es in den eigenen Reihen nicht unbedingt einhellige Zustimmung, da die Zeit vor dem zweiten Weltkrieg für die meisten unserer Mitglieder heute bereits sehr weit in der fernen Vergangenheit liegt. Hier fehlte zunächst für viele einfach der nötige persönliche Bezug. Ungeachtet dessen fand sich nach einem entsprechenden Finanzierungsangebot durch den örtlichen Kultur- und Heimatverein für dieses Projekt dann letztlich doch noch eine Mehrheit und mit Torsten Ehrhardt von den Magdeburger Eisenbahnfreunden e. V. auch ein versierter Modellbauer, der vornehmlich mit Unterstützung von Straßenbahnfreund Michael Menz diese interessante Herausforderung annahm. Gebaut wurde dabei überwiegend in den privaten Räumlichkeiten der beiden Hauptakteure, da zu viele Köche bekanntlich den Brei verderben - auch weil man erfahrungsgemäß immer wieder Vereinsmitglieder antrifft, die zuweilen nur „kluge Ratschläge“ erteilen, anstatt selbst mit Hand anzulegen. Hier liegen in der Ruhe bekanntlich die Kraft und letzten Endes auch der Schlüssel zum Erfolg.

Ein Hechtwagen in der Wendeschleife "Rotehorn"
Ein Hechtwagen in der Wendeschleife "Rotehorn"

Beim Anlagenbau wurde auch hier auf die bewährte Rahmenbauweise (ca. 100 mm hohe Holzrahmen mit 8 mm dicken Möbelspanplatten) in den Normgrößen 1,80 x 1,20 bzw. 1,20 x 1,20 m zurückgegriffen, womit die Einzelteile im Hinblick auf wechselnde Ausstellungen auch problemlos transportiert und gestapelt werden können. Für den tiefer liegenden Elbestrom sowie für die querenden Eisenbahnanlagen des ehemaligen Elbebahnhofes mußten die Anlagengrundplatten teilweise unter die übliche Plus-/Minus-Null-Ebene abgesenkt werden. Als besondere Herausforderung erwiesen sich die beiden Brückenüberbauten als Stabbogenkonstruktionen, wobei der große Stromüberbau immerhin eine Konstruktionslänge von 1,30 m aufweist. Der Überbau der kleineren Elbebahnhofsbrücke ist dagegen etwa nur halb so lang. In beiden Fällen kamen Kunststoffplatten und entsprechende Profile (z.B. von Evergreen) zum Einsatz. Die zugehörigen massiven Vorlandbrücken sowie das dominierende ehemalige Festungswerk „Kavalier Scharnhorst“, mit Grabenmauern und umfangreichen Außenanlagen zwischen den beiden Brückenbauwerken gelegen, erforderten gleichsam ein hohes Maß an kreativer Fleißarbeit. Ferner wurde das Modell mit einer voll funktionstüchtigen Straßenbeleuchtung nach historischem Vorbild ausgestattet. Auch das Festungswerk ist teilweise beleuchtet. Gleise und Fahrleitungen entstanden überwiegend aus handelsüblichen Materialien, wobei die Oberleitungsmaste, wie einst im Original, einen zweifarbigen Anstrich in den Farben schwarz und silbergrau erhielten.

Die Zollbrücke ist schon etwas älter.
Die Zollbrücke ist schon etwas älter.

Mit der Straßen­bahn­gleis­schleife Rotehorn, bereits vor einigen Jahren von Rene Jonzek erbaut und zwischen­zeitlich auch weit­gehend fertig gestellt, gab es bereits zuvor einen öst­lichen Aus­gangs­punkt für das eigentliche Brückenmodell und zudem eine der beiden betrieb­lich not­wendigen Wen­de-mög­lich­keiten für einen vor­bild­ge­rechten Straßen­bahn­betrieb. Auf der Westseite entstand da­gegen zu­sätz­lich zum eig­ent­lich­en Projekt das ehe­malige Gleis­drei­eck Steuben­allee, welches beim Vor­bild im Jahre 1928 unmittel­bar vor der Elbe­bahn­hofs­brücke für bereitzustellende Ein­satz­wagen bei Groß­ver­anstaltungen errichtet worden war, hatte sich doch bereits während der Deutschen Theater­aus­stellung gezeigt, daß die vorhandenen Abstell­möglich­keiten im Bereich der Gleis­schleife Rotehorn bei Groß­veranstaltungen nicht ausreichend bemessen waren. Über das zusätzliche Anlagenmodul „Planckstraße“ besteht ferner ein direkter Übergang zur bestehenden Modellbahnanlage der Magdeburger Straßenbahnfreunde e. V.. Somit kann der Sternbrückenzug im Fahrbetrieb sowohl separat, als auch im Verbund mit anderen Anlagenteilen bei Ausstellungen gezeigt werden. Dies führt freilich bei größeren Anlagenpräsentationen zu dem historischen Kompromiß, daß auch Fahrzeuggarnituren aus späterer Zeitepochen die beiden Großbrücken überqueren, die beim großen Vorbild die Magdeburger Rotehorninsel nie zu Gesicht bekommen haben (LOWA-Gotha-Tatra- bzw. Niederflurfahrzeuge). Gleichsam wird auf diese Weise dem Betrachter aber auch ein gedanklicher Zeitspung in die Gegenwart vermittelt, wäre doch eine Straßenbahn zum Rothehorn auch in der heutigen Zeit eine durchaus denkbare und sinnvolle Alternative gewesen. Das vorbildgetreu gestaltete Modell eröffnet dafür auf jeden Fall den richtigen Blickwinkel.